Die Kunst der Träume

Es ist sicherlich keine Seltenheit das Thema diskutiert zu sehen. Schon lange beschäftigt die Menschheit was Träume sind und was sie bedeuten, weshalb es nicht verwundert, dass das Thema Stoff für zahlreiche Erzählungen in den verschiedensten Kunstrichtungen bietet. Genau deshalb ist es so interessant zu untersuchen, welche Antworten Geschichten darauf geben können, was Träume eigentlich sind?

Fast jeder Deutsche kennt den Sandmann. Jedes Kind kennt vermutlich die freundliche, Sand streuende Figur aus dem Kinderkanal. Doch daneben existiert noch eine weitere Darstellung. Einige kennen vielleicht die Novelle von E.T.A. Hoffmann mit dem Titel „Der Sandmann“. In dieser verfällt der Student Nathanael dem Wahnsinn, als er sich von einem Kindheitserlebnis verfolgt fühlt. Insbesondere die Erzählweise sticht hervor, denn der Leser erfährt nie, was wahr ist und was nicht. Durch das Vermischen von Traum und Realität in Nathanaels Perspektive, hat es auch der Leser schwer beides auseinanderzuhalten.

Das Verschmelzen von Traum und Wirklichkeit ist ein häufiges Motiv in dieser Art Geschichten. Ab einem bestimmten Punkt, weiß der Protagonist oder die Protagonistin nicht mehr, wann er oder sie träumt oder nicht. In „Inception“ stellen sich Szenen, die sich normal anfühlen als Traum heraus, während die Träume in Satoshi Kons „Paprika“ in die Realtität eindringen. Auch in den Büchern Haruki Murakamis und den Filmen David Lynchs oder Charlie Kaufmans verschwimmen die Grenzen oftmals.

All diese Beispiele beschäftigen sich mit einem ganz bestimmten Aspekt von Träumen. Nämlich dem, dass wir meistens nicht wissen, dass wir träumen, wenn wir genau das tun. Ein zentrales Kriterium für Träume scheint zu sein, dass wir nicht merken, wenn wir uns in einem befinden und unausweichlich erwachen, sobald es uns bewusst wird.

Dies hat zur Folge, dass sich der Leser oder Zuschauer selbst nie ganz sicher sein kann, ob das was der Held/die Heldin erlebt in der Realität des Films oder Buches stattfindet oder nur in einem Traum. Ein gelungenes Werk, das das Thema behandelt, ist es dann, wenn es das schafft und erst das Ende eventuell eine Lösung anbietet oder wenigstens die Möglichkeit zur eigenen Interpretation der Ereignisse zulässt.

Der Film „I’m thinking of ending things“ von Charlie Kaufman handelt um eine unharmonische Beziehung zwischen einer jungen Frau und ihrem Freund Jake, wobei sich am Ende herausstellt, dass es eigentlich um die Beziehung eines einsamen Hausmeisters, in einer Highschool, mit sich selbst geht. Der Film ist so aufgebaut, dass dem Zuschauer zu Beginn lediglich ein komisches Gefühl ergreift und die Handlung im Laufe des Films immer surrealistischer wird. Man merkt die ganze Zeit, dass etwas nicht stimmt und erwartet oft, dass etwas unheimliches passiert. Aber nichts passiert und der Zuschauer glaubt weiterhin sich in der Realität zu befinden. Der Übergang von einer normalen Geschichte hin zu einem surrealen Traumerlebnis vollzieht sich schleichend, doch als der Moment vorüber ist, passieren viele verwirrende Dinge gleichzeitig. Ein Gesicht auf einem Bild verändert sich, die Eltern von Jake verändern ihr Alter, einige Aspekte werden ständig umgeändert, wie zum Beispiel die Tätigkeit der Freundin oder die Geschichte wie sie und Jake sich kennengelernt haben. Am Ende des Films wird klar, dass sich alles nur im Kopf des Hausmeisters geschieht und dieser sich verschiedene Versionen seiner Vergangenheit ausmalt, wenn sie anders verlaufen wäre, als sie es ist.

Das Thema des Tagtraums fällt durch eine besondere Eigenschaft auf: Die Person, in deren Fantasie die Geschichte stattfindet weiß, in der Regel, dass die Geschehnisse nicht real sind, der Zuschauer allerdings nicht. Allein der Zuschauer wird in die Irre geführt und muss selbst herausfinden, was die Wahrheit ist. In manchen Fällen ist sich die Figur jedoch nicht bewusst, das alles von ihr selbst erfunden wurde und in vielen Fällen lässt es sich nicht sagen, was dem Zuschauer mehr Interpretationsfreiraum gibt.

Der Film hat dabei eine besondere Bedeutung, denn Träume lassen sich mit keinem anderen Medium so gut abbilden. Bei Büchern wird das Gefühl des Träumens durch eine unzuverlässige Erzählweise hervorgerufen werden, trotzdem müssen die Geschehnisse in Form von Bildern erst in den Köpfen der Leser erschaffen werden. Bei einem Film ist das anders, da Träume im Grunde Filme unseres Unbewussten sind.

Im Film „Paprika“ von Satoshi Kon existiert ein Gerät, durch dem sich die Träume der Menschen aufzeichnen und wie ein Film ansehen lassen. Interessanterweise ist es auch möglich in die Träume, die man sieht einzugreifen und diese zu manipulieren. Dies geschieht als das Gerät gestohlen wird und nach und nach beginnen Traum und Realität ineinander zu verschmelzen. In dem Film, der selbst das Produkt der Fantasie und der unterbewussten Gedanken des Drehbuchautors und Regisseurs, werden Träume gezeigt, die mithilfe eines Gerätes, das Träume als Filme zeigt, zum Leben erweckt. Der Film wird damit selbst zu einem Traum, während zugleich jeder Film eine Art Traum ist.

In dem Film hat die Figur des Ermittlers Toshimi Konakawa einen wiederkehrenden Traum, der ihn beschäftigt. Den Grund für das wiederkehrende Motiv versucht er, während den zentralen Ermittlungen, herauszufinden. Gegen Ende des Films wird sich Konakawa gewahr, dass die Szene, von der er regelmäßig träumt, von dem Gedanken an einen verstorbenen Kindheitsfreund handelt. Die beiden Jungen hatten den „Traum“ Regisseur zu werden und hatten begonnen einen Film zu drehen, in dem Konakawa ein Polizist und der Freund den vom Polizist verfolgten Verbrecher spielt. So ähnlich ist auch die Handlung in dem Traum, nur dass der Verfolgte das gleiche Gesicht hat wie Konakawa und von eben diesem getötet wird.

Eine klare Antwort können Geschichten auf die Frage, was Träume sind, nicht geben. Fakt ist, dass Träume immer ein Produkt unserer eigenen sowohl bewussten als auch unbewussten Gedanken, Ideen, Gefühle und Erfahrungen sind. Das macht sie zu einem festen Bestandteil unseres Ichs. Gleichzeitig sind in den Träumen Teile unseres Ichs enthalten. In der Kunst werden Träume auf kreative Weise, in verschiedenen Medien dargestellt. Da Kunstwerke Teile unseres Selbst und automatisch auch unserer unbewussten Seiten hergeben, werden sie selbst zu Träumen. Die Träume wiederum sind selbst so etwas wie Filme oder Theaterstücke, für die unser Unterbewusstes das Skript schreibt. Das ist die Antwort, die uns die Kunst auf unsere Frage geben kann.


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