Da die Herbstzeit langsam beginnt, möchte ich diese Zeit dafür nutzen, um über eine Serie zu sprechen, die man, wie kaum eine zweite, mit der goldenen Jahreszeit verbindet: „Over the garden wall“.
„Over the garden wall“ ist eine, 2014 erschienene, Miniserie von cartoon network.
Sie handelt von den Brüdern Wirt und Greg und ihre Reise durch einen geheimnisvollen Ort, der aus einem Wald besteht und den Namen „The Unknown“ (Das Unbekannte) trägt. Dieser Name ist – wie wir bald feststellen werden – nicht zufällig gewählt worden.
Das Unbekannte ist der ihnen fremdartige und düstere Ort, an dem sich unsere Protagonisten scheinbar verirrt haben. Nichts ist an diesem Ort so, wie es scheint, Dinge existieren, die es in der wirklichen Welt nicht gibt und eine düstere Aura liegt über dem gesamten Wald, von dem es heißt, dort lebe ein gefährliches Biest. Die herbstliche Atmosphäre, die an Feste wie Halloween erinnert, ist von Beginn der Serie spürbar. Diese ist nicht allein der Grund, warum diese Serie so beliebt ist, sondern besitzt innerhalb der Serie eine wichtige Bedeutung. Zu Beginn wird deutlich gezeigt, dass Wirt und Greg an diesem Ort nicht zu Hause sind und nicht genau wissen, wie sie sich an diesem Ort zurechtfinden können. Sie befinden sich wortwörtlich im Unbekannten.
Die erste Person, dem die Brüder begegnen ist der zwielichtige woodsman (Holzfäller). Dieser erscheint zunächst als eine Gefahr für die Kinder. Er läuft nachts in einem Wald, mit einer Axt herum, droht den Geschwistern, scheint häufig ein unheimliches Lied zu singen und – so glauben es Wirt und auch der Zuschauer im ersten Moment – Beatrice verletzt zu haben. So kommt es, dass die Protagonisten ihn unweigerlich für das Biest halten, von dem die anderen Bewohner des Ortes ihnen erzählen und welches sie bis dahin noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Entgegen dieser Erwartung stellt sich heraus, dass der Holzfäller den Kindern lediglich helfen wollte und nicht das Biest ist.
Der zweite Ort in der Geschichte ist das Dorf Pottsfield, in dem die Bewohner eine Feier abhalten. Erschreckend wirkt ihr Aussehen auf die Brüder: wie Personen deren gesamter Körper aus Kürbissen besteht. Ihre Augen nicht mehr als große, runde Löcher, die in die Kürbisse geschnitzt wurden und darunter keine Augen erkennen lassen, was darauf hindeutet, dass es sich dabei auch nicht um Kostüme handelt. Als die Brüder entdeckt werden, zeigt sich die Gesellschaft sehr wütend. Trotz dessen besteht ihre Strafe allein darin ein paar Löcher zu graben. Was zunächst wie eine überraschend harmlose Aufgabe erscheint, erweist sich als deutlich erschreckender, nachdem sie in den Löchern Skelette finden. Doch auch das ist ein Irrtum. Am Ende wird klar, dass es sich bei den Kürbismenschen um Skelette handelt, die die Kürbisse tatsächlich nur als Kostüm tragen und weitere ihrer verstorbenen Freunde ausgraben wollten, um sie auf die Feier einzuladen.
In der gesamten Serie tauchen Situationen dieser Art auf. Situationen, in denen die Protagonisten einer vermeintlichen Gefahr ausgesetzt sind, die sich als ziemlich harmlos herausstellt. Zu nennen wäre da die Tante Whisper, die zu Beginn als bösartige, alte Frau, die lebendige Menschen verspeist, auftritt. In Wahrheit ist sie jedoch eine liebenswürdige Frau, die sich Sorgen um ihre, von einem Geist besessene, Nichte macht. Der strenge Direktor der Grundschule entpuppt sich als der verarmte Vater der Lehrerin, der mit der Schule versucht Geld zu verdienen und der entlaufene Gorilla ist in Wahrheit ihr Verlobter, der sich nicht mehr aus seinem Kostüm befreien konnte.
Doch auch umgekehrt kommt es vor, dass sich etwas, das den Brüdern zuerst harmlos vorkommt, als reale Bedrohung entpuppt. So ist beispielsweise die freundliche Lorna, die Wirt und Greg vor ihrer Tante beschützen wollen, von einem bösen Geist besessen, der sie dazu bringt Menschen lebendig zu essen. Beatrice belügt Wirt und Greg damit, dass sie zu Adelaide, der „guten Seele des Waldes“ gehen müssen, um wieder nach Hause zu kommen. In Wahrheit wollte Beatrice die Beiden bei Adelaide gegen ein Heilmittel für ihre, in Vögel verwandelte, Familie umtauschen. Es stellt sich heraus, dass Adelaide für das Biest arbeitet und die Kinder als Diener für sich behalten wollte.
Selbst das Biest erweist sich als deutlich harmloser als es den Protagonisten erscheint. Es trägt seine Laterne stets bei sich, von der es behauptet, die Seele der Tochter des Holzfällers in sich zu beherbergen. Diesen fordert das Biest deshalb auf, Holz für die Laterne zu hacken, um die Seele seiner Tochter am Leben zu erhalten. Das Biest selbst besteht aus eben dem Holz, das der Holzfäller gezwungen ist zu hacken. Diese Bäume sind das, was aus den Seelen der Verlorenen wurde, die dem Biest zum Opfer fielen. Das wird gezeigt, als die Brüder selbst beinahe dem Biest anheim fallen, und zwar dann, wenn sie die Hoffnung verlieren, es jemals wieder aus dem Unbekannten heraus zu schaffen und wieder nach Hause zu kommen. Wirt ist der erste, der beginnt sich in einen Baum zu verwandeln. Er ist der Ältere der Beiden und derjenige, der vorsichtiger ist und die Gefahren des Ortes erkennt. Sein kleiner Bruder dagegen zeigt kaum Furcht, da er noch nicht genug Erfahrung besitzt, um mögliche Gefahren als solche einschätzen zu können. Später verwandelt auch er sich in einen Baum, nachdem er den Fehler begangen hat, dem Biest zu vertrauen. Greg ist ein leichteres Opfer für das Biest, da er sich, durch seine kindliche Naivität schneller von dem Biest täuschen lässt. Wirt dagegen kann die Lügen des Biests als solche entlarven und ist deshalb nicht derjenige, der sich in einen Baum verwandelt. Auch ihn versucht das Biest zu täuschen, indem es ihm anbietet die Seele seines Bruders in der Laterne zu verwahren, solange Wirt dafür sorgt, dass sie weiter brennt. Das ist der Moment, indem Wirt versteht, dass es nicht die Seele von irgendwelchen Personen ist, sondern die Seele des Biests selbst, die in der Laterne aufbewahrt wird. Somit kann er Greg und sich vor dem Biest schützen.
Diese Aspekte, die das „Unbekannte“ ausmachen, lassen sich auch auf Wirts und Gregs Realität beziehen. So wie in dem fremden Wald, wie auch in ihrer eigentlichen Welt, sind die scheinbaren „Gefahren“ eigentlich keine richtigen Gefahren. Und in beiden Welten, versucht Wirt, vor den möglichen Gefahren zu flüchten, statt seine Angst zu überwinden und dabei zu realisieren, dass vieles weniger unheimlich ist, als es erscheint. Über das „Unbekannte“ lässt sich vermuten, dass es sich um eine Art Zwischenwelt, zwischen Leben und Tod, handelt. In der Wirklichkeit sind Wirt und Greg zwei Brüder aus der modernen Zeit. An einem Halloweenabend sind sie auf eine Halloweenfeier gegangen, auf der auch Wirts Crush Sarah anwesend war. Wirt hatte eine Kassette bei sich, auf welcher er Gedichte für Sarah eingesprochen hatte. Ursprünglich plant Wirt Sarah die Kassette zu geben, macht dann allerdings doch einen Rückzieher und versucht die Kassette zurückzuholen. Jason Funderberker ist ein Bekannter Sarahs, der scheinbar ein Auge auf sie geworfen hat, von Sarah selbst jedoch nicht weiter beachtet wird. Wirt glaubt allerdings wegen Jason Funderberker bei Sarah keine Chance mehr zu haben und so flüchtet Wirt vor der Situation. Er klettert zusammen mit seinem Bruder über die Friedhofsmauer. Als die beiden fast von einem Zug erwischt werden, springt er, mit Greg zur Seite und sie fallen anschließend einen Hügel hinunter und landen in einem See und somit auch in das Unbekannte.
Das „Unbekannte“ ist für die Protagonisten ein seltsamer und anfangs auch gefährlicher Ort, da vieles für sie fremd ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Wenn man allerdings beginnt diese Regeln zu verstehen, erscheint der Ort plötzlich viel weniger unheimlich. Das ist eine Gemeinsamkeit, die das „Unbekannte“ in over the garden wall, mit allem Unbekannten hat, das in der Welt existiert.
Ein weiteres bekanntes Werk, in dem das Unbekannte thematisiert wird, ist die Buchreihe „ A Series of Unfortunate Events“ von Daniel Handler. Im elften Band der Reihe „The Grim Grotto“ befinden sich die Baudelairs auf einem U-Boot. Als auf dem Bildschirm ein großes Fragezeichen auftaucht, wird ihnen gesagt, es handle sich bei dem unidentifizierbaren Objekt um das „große Unbekannte“, dessen wahre Form ein Geheimnis bleibt, zu schrecklich für junge Leute, um es zu kennen. Als das Unbekannte unter den U-Boot vorbei schwimmt, sehen die Geschwister nichts weiteres als einen riesigen, nicht definierbaren Schatten. Im letzten Band hat das „große Unbekannte“ einen indirekten Auftritt, indem darüber gesprochen wird, dass sich die Eltern der Baudelairs in diesem „großen Unbekannten“ befinden. Da der Leser jedoch weiß, dass die Eltern tot sind, wird dadurch impliziert, dass es sich bei diesem „großen Unbekannten“ um den Tod handelt. Darin besteht eine Gemeinsamkeit mit dem Unbekannten aus „over the garden wall“, denn das ist ein Übergangsort zum Tod.
Der Tod stellt nicht nur für Wirt, Greg sowie die Baudelairs das „große Unbekannte“ dar, denn niemand weiß, was danach geschieht und genau daraus entsteht für die Menschen die Angst. Doch auch auf andere Aspekte lässt sich das „Unbekannte“ beziehen. Für Wirt bedeutetes zum Beispiel auch Erwachsen zu werden. Somit hat jeder von uns im Laufe seines Lebens Kontakt mit dem Unbekannten.