Die Anatomie eines Monsters


Was genau ist ein Monster? Diese Frage zu stellen erscheint einigen von euch wahrscheinlich zunächst etwas verwunderlich. Ein Monster, das ist das gleiche wie ein Ungeheuer. Eine unmenschliche Kreatur, scheußlich in ihrem Aussehen und grausam in ihren Taten. So viel weiß bereits ein kleines Kind. Genauer betrachtet, stellt man allerdings fest, dass diese Frage im Grunde sehr philosophisch ist.


Ein kleines Beispiel: ein Mann schreit lauthals „Hilfe! Hier ist ein Monster!“ und zeigt dabei auf den gemeinten Referenten. Was erwarten wir nun zu sehen? In irgendeiner Weise sollte das Wesen eine den Menschen unähnliche Erscheinung haben. Zum Beispiel indem es grüne Haut, spitze Zähne, die aus seinem riesigen Maul ragen oder eine für Menschen viel zu große Statur besitzt. Daneben erwarten wir, dass von dem Geschöpf eine ernsthafte Gefahr ausgeht, zum Beispiel, indem wir sehen, dass es mehrere Passanten angreift und willentlich verletzt. Dies sind die beiden Hauptaspekte, die für die Beschreibung eines Monsters entscheidend sind. Was ist jedoch, wenn nur eines dieser Merkmale gegeben ist? Oder es gar nicht klar ist, ob das Verletzen der Passanten beabsichtigt war? Die meisten von uns würden die Bezeichnung als Monster trotzdem nicht hinterfragen. Wir müssen uns mit dieser Frage also genauer beschäftigen.


In diesem Text möchte ich Schritt für Schritt erklären, was ein Monster ausmacht und welche Möglichkeiten es in der Kunst gibt, Monster zu kreieren. Stellt euch vor, ihr seid Schriftsteller, die in ihrem Buch ein Monster auftreten lassen möchten. Aus welchen Teilen kann man sich so eine Kreatur nun zusammenbasteln? Fangen wir am besten mit dem ersten genannten Kriterium an: dem Aussehen. Wollen wir unser Monster auf den ersten Blick als solches erkennbar machen, benötigt es ein passendes Antlitz. Die einfachste Möglichkeit ist, es wachsen zu lassen. Ein über zwei Meter großes Wesen wirkt deutlich bedrohlicher als eines mit für Menschen gewöhnlicher Größe. Das allein reicht jedoch nicht, um von einem Menschen mit sehr speziellen genetischen Veranlagungen unterscheidbar zu werden. Dafür können wir unserem Ungeheuer noch weitere Merkmale verpassen: Vielleicht eine ungewöhnliche Hautfarbe, besonders große und unproportionale Gliedmaßen, spitze Zähne oder Klauen. Wir erwarten von einem Monster, dass es nicht nur menschenunähnlich, sondern auch besonders hässlich oder gefährlich aussieht. Gibt es allerdings auch andere Fälle? Solche, in denen ein als „Monster“ betiteltes Geschöpf zwar nicht wie ein Mensch, aber nicht sonderlich schrecklich aussieht? Zu denken wären zum Beispiel an Riesen, die bis auf die Größe vollkommen den Menschen gleichen oder um frühe Vorstellungen von Einhörnern, die für gefährliche Tiere gehalten wurden. In unserer heutigen Vorstellung passen sie nicht zu der Definition eines Monsters, denn der Begriff wird vom Duden definiert als: furchterregendes, hässliches Fabelwesen, Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt. Und trotzdem fragt man sich, ob ein Monster unbedingt hässlich sein muss um eines zu sein, denn ist es nicht möglich, dass auch ein elegant aussehendes Wesen ein Monster sein kann, wenn es sich wie ein Monster verhält?
Genauso verhält es sich mit Johann Liebert aus dem Manga „Monster“ sowie dem gleichnamigen Anime, basierend auf der Mangareihe. Äußerlich entspricht Johann dem exakten Gegenteil von dem, was wir im ersten Absatz als Monster definiert haben. Genau genommen hat seine gesamte äußere Erscheinung mehr mit unserer Vorstellung von einem Engel gemeinsam. Die Figur zeichnet sich nicht allein durch ihre Schönheit, durch ihren sanftmütigen Eindruck, verstärkt durch die weiche Stimme, sowie durch perfekt sitzende Frisur und Anzug, sondern genauso durch Charme, Intelligenz und unantastbare rhetorische Fähigkeiten. Dass Johann eben diese jedoch dazu einsetzt, um Menschen zu manipulieren, sie in den Suizid zu treiben oder Menschen zum Mord zu bringen, sieht ihm keiner an. Durch seine Taten, die allesamt von einer solchen Kalkuliertheit und Kälte geprägt sind, dass sie kaum von einem Mensch stammen können, hat er zurecht die Bezeichnung als Monster erhalten. Hinzu kommt sein unscheinbares Auftreten, seine scheinbar übermenschlichen Fähigkeiten sowie seiner Eigenart, von wenigen nur als existierende Person wahrgenommen zu werden, die ihn nicht wirklich menschlich erscheinen lassen. All dies wird noch überbietet durch die unheimliche Tatsache, dass Johann nicht sein richtiger Name ist und die Figur gar keinen Namen besitzt. Aus diesem Grund wirkt der Serienmörder wie ein Geist im Körper eines Engels und mit den Eigenschaften eines übermenschlichen Monstrums. Die Figur des Johann Lieberts hat viele Ähnlichkeiten mit einer anderen, weltweit bekannten Figur aus der Literatur. Diese stammt aus einem Werk, das über 150 Jahre vor „Monster“ erschienen ist. Ich rede von niemand geringerem als „Frankensteins Monster“ aus dem Roman „Der moderne Prometheus“, auch bekannt unter dem Namen „Frankenstein“ von Mary Shelly. Dieses Ungeheuer passt viel stärker zu der Beschreibung, die ich im ersten Abschnitt für den Begriff des Monsters dargelegt habe. Es ist groß, sieht grässlich und furchterregend aus und tötet durch physisches Angreifen von verschiedenen Personen. Doch, wenn man sich beide Figuren genauer betrachtet, so fallen einem automatisch viele Merkmale auf, die die beiden Kreaturen miteinander teilen. Genauso wie das Monster aus „Monster“, besitzt das Monster aus „Frankenstein“ Fähigkeiten, die jenen eines Menschen weit übersteigen und ihn fast unbesiegbar machen. Die zweite zentrale Eigenschaft ist, dass auch Frankensteins Monster keinen richtigen Namen besitzt. Von allen wird er lediglich Ungeheuer, Dämon oder Monster genannt. Weitere Gemeinsamkeiten drehen sich um die Entstehung beider Charaktere. Sowohl Johann als auch das Ungeheuer aus Leichenteilen wurden als wissenschaftliche Experimente kreiert, von einem Mann, der das Ziel verfolgte die Grenzen der Wissenschaft zu testen und dafür die moralischen Grenzen weit übertritt. Eine Entscheidung, die von Frankenstein, so wie auch von Franz Bonaparta später bereut wird, als sie verstehen, was sie da in Wahrheit erschaffen haben. Neben diesen Aspekten darf jedoch eine Eigenart nicht unterschlagen werden, die sich die Figur aus dem Manga und die Figur aus dem Roman aus dem 19. Jahrhundert teilen: die schwerwiegende Einsamkeit, die für die meisten der Taten beider verantwortlich gemacht werden kann. Beide wurden als Experiment erschaffen und sogleich wieder weggeworfen, von Personen, die sich nicht genug für sie interessierten um ihnen Namen zu geben. Und beide wurden von allen weggestoßen, für die sie je etwas übrig hatten, weil sie nicht verhindern konnten, von allen als Monster angesehen zu werden. So gut die Intentionen hinter einigen ihrer Taten auch waren. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als zum Monster zu werden. Damit enden die Gemeinsamkeiten der zwei schon wieder. Johann und das Monster aus „Frankenstein“ entstanden in anderen historischen und gesellschaftlichen Kontexten, genau wie ihre Geschichten, weshalb beide Figuren noch viele weitere Aspekte auszeichnen, als hier aufgezählt. Womit sich beide Erzählungen jedoch beschäftigen, ist die Frage, was überhaupt ein Monster ausmacht und ob das notwendigerweise beinhalten muss, dass die Figur oder auch nur alle ihrer Intentionen böse sein muss oder ob monsterhafte Taten unbedingt von einem Monster kommen müssen oder auch etwas anderes möglich ist.


Diese Frage muss dazu führen, dass wir unsere Vorstellung von dem, was ein Monster ist neu definieren. Es gibt also Monster, die nicht gruselig oder sogar unmenschlich aussehen müssen und es gibt Monster, die nicht böse sind oder keine bösen Gründe für ihre Taten haben. Was muss also konkret gegeben sein, damit wir es jetzt eindeutig mit einem Monster zu tun haben? Bei allen Beispielen geht es um die Beziehung des Wesens zu den Menschen. Entweder versetzt ihre Erscheinung sie in Angst oder es sind die Taten, die die Angst erzeugen oder aber es ist tatsächlich der Fall, dass von der Gestalt eine ernst zu nehmende Gefahr ausgeht. Es ist also die Wirkung auf die Menschen, die bei der Einschätzung maßgeblich ist.
Eine spezielle Art von Monstern, die in der Popkultur große Beliebtheit genießen ist die der Vampire. Zwischen der Darstellung als grässliche Ungeheuer mit spitzen Ohren und noch spitzeren Zähnen und mysteriösen Gestalten mit engelsgleichem Äußerlichen, existiert eine riesige Bandbreite an Vorstellungen der Nachtkreaturen. Gemeinsam haben alle, dass sie Blut saugen und nachtaktiv sind. Somit stellen sie automatisch eine potenzielle Gefahr für ihr Umfeld dar. Besonderer Fokus liegt hier allerdings auf dem Wort „potenziell“, denn genauso wie das Aussehen so variieren auch die Verhaltensweisen je nach jeweiligem Schöpfer. Die Vampire in Twilight sehen wunderschön aus, glitzern in der Sonne und tun keiner Person etwas zu leide, ganz so, wie es den Wünschen der Leser/innen entspricht. Dracula aus Bram Stokers gleichnamigem Roman ist dagegen ein ganz anderes Kaliber von Vampir. Ihn kennzeichnet ein bedrohliches Äußeres mit dunklem Haar und grimmigen, buschigen Augenbrauen. Er saugt das Blut von jedem Menschen, der sich ihm anbietet und macht dabei Gebrauch von den absurdesten Kräften wie sich in Tiere zu verwandeln, Personen zu hypnotisieren oder sogar Naturgewalten zu beherrschen. In der Weltsicht, die der Roman vertritt, handelt es sich bei Vampiren um eine Art Dämon, mit dem Teufel im Bunde stehen. Und obwohl Bram Stokers Schöpfungen Monster im wahrsten Sinne des Wortes sind, werden auch sie als schön oder anziehend beschrieben. Der untote Graf verwendet seine Fähigkeiten, um Jonathans Freundin zu sich zu locken und als sie schlussendlich zum Vampir wird, zeichnet auch sie sich durch ein wunderschönes, fast jugendliches Äußeres aus. Neben diesen Beispielen existieren viele weitere Werke der vergangenen 300 Jahre, in der Vampire mit einer gewissen Anziehungskraft auf die Menschen um sie herum beschrieben werden. Gründe dafür können mehrere genannt werden. Zum einen wäre da die generelle Attraktivität, die das Düstere und Verbotene auf uns ausübt. Ein anderes wichtiges Kriterium ist der Aspekt der ewigen Jugend, den die meisten Vampire gemein haben. Da sie altern können, scheinen sie in einem Stadium von ewig jung und schön festzustecken.


Umgekehrt finden sich genauso hässliche „Monster“, die weder in ihren Taten noch in ihren Intentionen irgendeine Form von Boshaftigkeit erkennen lassen. Dämonen, Drachen oder andere Gestalten aus dem Fantasy-Genre werden weder immer als böse noch immer als schön oder ästhetisch dargestellt. Gerade die Kinderliteratur oder das Kinderfernsehen ist bekannt für diese Art der Monster. In dem international bekannten Film „Die Monster AG“ von 2001 geht es um Monster, wie der Titel verrät. Diese Monster sehen auch monsterartig aus, weil sie spitze Hörner oder nur ein Auge haben, aber, dass sie irgendeiner Weise gruselig aussehen, kann nicht gesagt werden. Genauer betrachtet sehen die Monster eher lustig oder albern aus und auch davon, dass sie Böses tun, kann keine Rede sein. Ihre Angewohnheit Kinder zu erschrecken ist sicherlich nicht nett, doch gefährlich sind sie in keinem Maße. Als ein kleines Menschenmädchen in die Monsterwelt gelangt, entwickeln die beiden Monster Sulley und Mike eine wohlwollende Beziehung zu dem Kind und dieses Ereignis führt am Ende dazu, dass das Erschrecken von Kindern in der Monsterwelt aufhört. In „Drachenzähmen leicht gemacht“ von 2010 wird ein Dorf von scheußlich aussehenden Drachen angegriffen, doch als die Dorfbewohner erfahren, dass es möglich ist, sich mit den Drachen anzufreunden, schließen sie Frieden mit ihnen und weder die Drachen noch die Menschen greifen danach auf Gewalt im gegenseitigen Umgang zurück. In Kinder- und Jugendfilmen existieren viele weitere Beispiele für äußerlich hässliche Monster, die in Wahrheit vollkommen harmlos sind.


Jetzt haben wir eine ganze Bandbreite an verschiedenen Arten von Monstern kennengelernt, von hässlich und grausam über schön und grausam bis hin zu hässlich aber keineswegs grausam kann bei der Figur eines Monsters alles dabei sein. Zwischen Mensch und Monster scheint es einen fließenden Übergang zu geben, der nicht durch eindeutige Grenzen definiert werden kann. Das einzige Ausschlusskriterium für alle Arten von Monstern scheint zu sein, dass sie nie schön und nett gleichzeitig sein können. Wie man also sieht, existieren keine festen Regeln dafür, wie man ein Monster gestalten kann. Monster können unheimlich aussehen und gefährlich sein, sie können unheimlich aussehen und nicht gefährlich sein. Sie können allerdings genauso gut auch lustig und kein bisschen angsteinflößend aussehen. Was Monster viel stärker zu definieren scheint, ist ihre zumindest scheinbare Abweichung von Menschlichkeit, entweder in ihrem Aussehen oder in ihren Taten, jedoch auch durch das Vorhandensein übermenschlicher Fähigkeiten. Storyteller, die für ihre Geschichte ein Monster erfinden wollen, müssen sich daran orientieren. Das ist der erste Schritt. Nachdem festgelegt wurde, in welchen Aspekten genau sie sich vom Menschsein unterscheiden, müssen die einzelnen Merkmale genauer definiert und anschließend ausgearbeitet werden. Den Ergebnissen sind dabei kaum Grenzen gesetzt, weshalb Monster viel Raum für Kreativität lassen.


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