So sieht das Paradies für Viele aus. Quelle: Pixabay, hochgeladen von grebmot
Malerische Landschaften, Speisen und Tränke im Überfluss, ein Leben jenseits von jeglichem Kummer und in der Religion auch der Ort, an dem jeder Mensch seinen wahren Platz in Gottes Nähe erhält, der sich als würdig erweist. Seit Jahrtausenden hat die Vorstellung vom Paradies die menschlich Kultur geprägt. Je nach Religion, Kultur oder philosophischer Strömung hat es eine andere Form angenommen. Gemeinsam haben alle jedoch, dass es sich um Orte handelt, die als nahezu utopisch gelten. Häufig werden sie als der höchste Ort, den die Menschheit zu erreichen versucht, verstanden. Doch was wäre, wenn dieser Ort nie für uns bestimmt war?
Malerische Landschaften in der Utopie, das ist das Paradies im Christentum. Quelle: Alan Frijns, hochgeladen auf Pixabay
In der Manga-/Animeserie „Hell’s Paradise“ werden mehrere Menschen dazu ausgesandt die Insel Shinsenkyo zu besuchen, die das Paradies darstellt, auf das sich der Name bezieht. Dort soll sich das „Elixier des ewigen Lebens“ vorfinden, das der Shogun unbedingt haben will. Dabei besteht allerdings eine kleine Schwierigkeit: Niemand, der die sagenumwobene Insel jemals bereist hat, ist lebend zurückgekehrt. Sonderbar erscheinen die vielen Leichen einstiger Inselbesucher, aus denen heraus Blumen sprießen. Als eine Gruppe zu Tode verurteilter Verbrecher das Land betreten, müssen sie feststellen, dass die Bewohner dort alles andere als freundlich menschlichem Leben gegenüber sind. Neben absurden Pflanzen, Tieren sowie göttlichen Wesen, begegnen ihnen auch allerhand mit Bewusstsein gesegnete Kreaturen. Doch wem kann man an einem Ort, der Menschen in den Tod schickt sobald sie das Land betreten, trauen? Die Teilnehmer der Mission müssen bald erkennen, dass diese Umwelt, die Menschheit nie als Teil von sich ausersehen hat und es nie wird.
Die Serie wirft eine interessante Frage auf: Was wäre, wenn dieser Ort nie für Menschen gedacht war? Die meisten Menschen sehen das Paradies als Belohnung für gutes Verhalten, die einem nach dem Tod zusteht oder als Ort auf der Erde, in dem das Leben für jeden leicht ist. Doch muss das unbedingt so sein? Vielleicht ist der einzige Grund warum diese Idylle und diese Harmonie existieren erst der, dass keine Menschen dort leben. Sobald der Mensch einen neuen Lebensraum betritt, beginnt er damit alle anderen Lebewesen zu unterwerfen, auszubeuten und teils sogar auszurotten und das obwohl er der Fremde ist, der in ein bestehendes System eindringt und dieses angreift. Wer könnte es ihm also verübeln, wenn es zurückschlägt? Der Mensch wäre in dieser Situation nichts weiter als ein Invasor oder ein Parasit, der von der Natur profitieren möchte, ohne etwas zurückzugeben. Die einzige Möglichkeit von dem System verschont zu bleiben, wäre demnach sich in ihm einzuordnen. ähnlich einer Symbiose arbeiten alle einzelnen Elemente zusammen, um das eigene überleben zu erhalten und dabei automatisch das der anderen sicherzustellen. Um nicht als Angreifer oder Eindringling wahrgenommen zu werden, besteht die einzige Methode darin sich in diese Symbiose zu integrieren und somit ein Teil von ihr zu werden. Was passiert also mit jenen Leuten, die genau das tun?
In der Serie geht es im Verlauf auch um das Elixier des ewigen Lebens und wie dieses ausschlaggebend war für die Entstehung der Inselbewohner. Durch Experimente zur Kreation des Elixiers entstanden die Tensen, Wesen, die zugleich männlich als auch weiblich sind. Sie praktizieren Taoismus und versuchen somit Unsterblichkeit zu erreichen. Der Taoismus ist eine chinesische Lehre, deren Praktizierer vollständige Harmonie mit dem Kosmos anstreben. Diese wird versucht zu erreichen, indem das Individuum sich der Welt und dem Wandel der Zeit anpasst. Das passt zu der Idee, die im ersten Teil dargelegt wurde. Nur durch vollkommene Anpassung an die Umwelt ist es möglich Harmonie mit ihr zu erreichen. Andernfalls werden die Menschen immer in Disharmonie mit der Natur stehen. Der Gedanke ist unheimlich, da er impliziert, man müsse sein individuelles Denken aufgeben, um ein Teil der Natur zu werden. Unsere Fähigkeit zum eigenständigen Denken ist die zentrale Eigenschaft, die uns Menschen auszeichnet. Auf dieser Grundlage haben wir die Zivilisation gegründet und uns gleichzeitig dadurch immer weiter von der Natur entfernt, die am Ende nur ein Teil von uns ist. Allerdings frage ich mich, ob es möglich ist, im Einklang mit der natürlichen Umgebung und mit dem natürlichen Teil in uns drin zu leben, ohne unsere spezifisch menschlichen Charakteristika aufzugeben. Denn auch, wenn unsere Lebensweise einem natürlichen Lebensstil scheinbar zuwiderläuft, hat die Zivilisation positive Aspekte hervor gebracht. Es muss eine Möglichkeit geben, beides zu erhalten.
Von Menschen unberührte Natur wirkt fast wie das Paradies. Quelle: M71, hochgeladen auf Pixabay
Wir Menschen befinden uns immer in Spannung mit unseren natürlichen Eigenschaften und den zivilisatorisch anerzogenen. Dem gesellschaftlichen Zusammenleben wegen, unterdrücken wir unsere Triebe und agieren stattdessen innerhalb unserer erwarteten Rollen und Funktionen in der Gesellschaft. Ohne diesen Aspekt wäre ein Leben in einer Gemeinschaft nicht möglich und doch wünschen wir uns häufig unseren Trieben freien Lauf lassen zu können. Werden wir jemals einen Weg finden, indem die Natur ausgelebt werden kann und ihr Gegenstück, die Kultur, ebenfalls? Würde man einen Menschen unter einer Horde Gorillas aussetzen, wäre er vermutlich aufgeschmissen und würde man einen Gorilla unter Menschen aussetzen, gäbe es sehr bald Verletzte. Um im nackten Überlebenskampf zu gewinnen, helfen keine Bücher, keine überzeugenden Argumente an ein rivalisches Tier und unsere moderne Technik ist nicht darauf ausgelegt sich gegen einzelne Gorillas durchzusetzen. Die meisten Möglichkeiten reichen von Tötung des Tieres bis hin zur Ausrottung der gesamten Spezies. Es scheint so, als wäre ein Kompromiss nicht möglich. Der Mensch kann nur in einem bestimmten Umfang den natürlichen Raum betreten, indem er in einen Park geht oder in einer Safaritour die Umgebung von Distanz aus beobachtet. Der umgekehrte Fall, dass die Menschen die Natur in die Gesellschaft bringen, ist da wahrscheinlicher. Man kann Zimmerpflanzen in die Wohnung stellen, einen großen Garten haben, Haustiere halten oder einen Zoo erbauen. Allerdings existieren auch dafür Limitierungen. Pflanzen dürfen nicht zu viel Raum einnehmen, Tiere müssen erst vom Menschen domestiziert werden oder aber mit einem Zaun von den Menschen getrennt werden. Die einzige Möglichkeit bestünde darin, die Tiere zu zivilisieren, aber das ist eine unwahrscheinliche Aussicht.
Es scheint so, als gebe es keine Möglichkeit mit der Natur im Einklang zu leben. Wir haben uns zu weit von ihren Wurzeln entfernt. Alles, was wir tun können ist, mehr Natur in unseren Lebensraum holen oder unseren Bereich weiter einschränken. Aber nur so weit, dass die Natur für uns keine Gefahr darstellt. Doch das ist zum Glück nicht komplett unmöglich.
Pflanzen im Garten geben uns eine Verbindung zur Natur. Quelle: Gab-Rysia, hochgeladen auf Pixabay
Was genau ist ein Monster? Diese Frage zu stellen erscheint einigen von euch wahrscheinlich zunächst etwas verwunderlich. Ein Monster, das ist das gleiche wie ein Ungeheuer. Eine unmenschliche Kreatur, scheußlich in ihrem Aussehen und grausam in ihren Taten. So viel weiß bereits ein kleines Kind. Genauer betrachtet, stellt man allerdings fest, dass diese Frage im Grunde sehr philosophisch ist.
Ein kleines Beispiel: ein Mann schreit lauthals „Hilfe! Hier ist ein Monster!“ und zeigt dabei auf den gemeinten Referenten. Was erwarten wir nun zu sehen? In irgendeiner Weise sollte das Wesen eine den Menschen unähnliche Erscheinung haben. Zum Beispiel indem es grüne Haut, spitze Zähne, die aus seinem riesigen Maul ragen oder eine für Menschen viel zu große Statur besitzt. Daneben erwarten wir, dass von dem Geschöpf eine ernsthafte Gefahr ausgeht, zum Beispiel, indem wir sehen, dass es mehrere Passanten angreift und willentlich verletzt. Dies sind die beiden Hauptaspekte, die für die Beschreibung eines Monsters entscheidend sind. Was ist jedoch, wenn nur eines dieser Merkmale gegeben ist? Oder es gar nicht klar ist, ob das Verletzen der Passanten beabsichtigt war? Die meisten von uns würden die Bezeichnung als Monster trotzdem nicht hinterfragen. Wir müssen uns mit dieser Frage also genauer beschäftigen.
In diesem Text möchte ich Schritt für Schritt erklären, was ein Monster ausmacht und welche Möglichkeiten es in der Kunst gibt, Monster zu kreieren. Stellt euch vor, ihr seid Schriftsteller, die in ihrem Buch ein Monster auftreten lassen möchten. Aus welchen Teilen kann man sich so eine Kreatur nun zusammenbasteln? Fangen wir am besten mit dem ersten genannten Kriterium an: dem Aussehen. Wollen wir unser Monster auf den ersten Blick als solches erkennbar machen, benötigt es ein passendes Antlitz. Die einfachste Möglichkeit ist, es wachsen zu lassen. Ein über zwei Meter großes Wesen wirkt deutlich bedrohlicher als eines mit für Menschen gewöhnlicher Größe. Das allein reicht jedoch nicht, um von einem Menschen mit sehr speziellen genetischen Veranlagungen unterscheidbar zu werden. Dafür können wir unserem Ungeheuer noch weitere Merkmale verpassen: Vielleicht eine ungewöhnliche Hautfarbe, besonders große und unproportionale Gliedmaßen, spitze Zähne oder Klauen. Wir erwarten von einem Monster, dass es nicht nur menschenunähnlich, sondern auch besonders hässlich oder gefährlich aussieht. Gibt es allerdings auch andere Fälle? Solche, in denen ein als „Monster“ betiteltes Geschöpf zwar nicht wie ein Mensch, aber nicht sonderlich schrecklich aussieht? Zu denken wären zum Beispiel an Riesen, die bis auf die Größe vollkommen den Menschen gleichen oder um frühe Vorstellungen von Einhörnern, die für gefährliche Tiere gehalten wurden. In unserer heutigen Vorstellung passen sie nicht zu der Definition eines Monsters, denn der Begriff wird vom Duden definiert als: furchterregendes, hässliches Fabelwesen, Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt. Und trotzdem fragt man sich, ob ein Monster unbedingt hässlich sein muss um eines zu sein, denn ist es nicht möglich, dass auch ein elegant aussehendes Wesen ein Monster sein kann, wenn es sich wie ein Monster verhält? Genauso verhält es sich mit Johann Liebert aus dem Manga „Monster“ sowie dem gleichnamigen Anime, basierend auf der Mangareihe. Äußerlich entspricht Johann dem exakten Gegenteil von dem, was wir im ersten Absatz als Monster definiert haben. Genau genommen hat seine gesamte äußere Erscheinung mehr mit unserer Vorstellung von einem Engel gemeinsam. Die Figur zeichnet sich nicht allein durch ihre Schönheit, durch ihren sanftmütigen Eindruck, verstärkt durch die weiche Stimme, sowie durch perfekt sitzende Frisur und Anzug, sondern genauso durch Charme, Intelligenz und unantastbare rhetorische Fähigkeiten. Dass Johann eben diese jedoch dazu einsetzt, um Menschen zu manipulieren, sie in den Suizid zu treiben oder Menschen zum Mord zu bringen, sieht ihm keiner an. Durch seine Taten, die allesamt von einer solchen Kalkuliertheit und Kälte geprägt sind, dass sie kaum von einem Mensch stammen können, hat er zurecht die Bezeichnung als Monster erhalten. Hinzu kommt sein unscheinbares Auftreten, seine scheinbar übermenschlichen Fähigkeiten sowie seiner Eigenart, von wenigen nur als existierende Person wahrgenommen zu werden, die ihn nicht wirklich menschlich erscheinen lassen. All dies wird noch überbietet durch die unheimliche Tatsache, dass Johann nicht sein richtiger Name ist und die Figur gar keinen Namen besitzt. Aus diesem Grund wirkt der Serienmörder wie ein Geist im Körper eines Engels und mit den Eigenschaften eines übermenschlichen Monstrums. Die Figur des Johann Lieberts hat viele Ähnlichkeiten mit einer anderen, weltweit bekannten Figur aus der Literatur. Diese stammt aus einem Werk, das über 150 Jahre vor „Monster“ erschienen ist. Ich rede von niemand geringerem als „Frankensteins Monster“ aus dem Roman „Der moderne Prometheus“, auch bekannt unter dem Namen „Frankenstein“ von Mary Shelly. Dieses Ungeheuer passt viel stärker zu der Beschreibung, die ich im ersten Abschnitt für den Begriff des Monsters dargelegt habe. Es ist groß, sieht grässlich und furchterregend aus und tötet durch physisches Angreifen von verschiedenen Personen. Doch, wenn man sich beide Figuren genauer betrachtet, so fallen einem automatisch viele Merkmale auf, die die beiden Kreaturen miteinander teilen. Genauso wie das Monster aus „Monster“, besitzt das Monster aus „Frankenstein“ Fähigkeiten, die jenen eines Menschen weit übersteigen und ihn fast unbesiegbar machen. Die zweite zentrale Eigenschaft ist, dass auch Frankensteins Monster keinen richtigen Namen besitzt. Von allen wird er lediglich Ungeheuer, Dämon oder Monster genannt. Weitere Gemeinsamkeiten drehen sich um die Entstehung beider Charaktere. Sowohl Johann als auch das Ungeheuer aus Leichenteilen wurden als wissenschaftliche Experimente kreiert, von einem Mann, der das Ziel verfolgte die Grenzen der Wissenschaft zu testen und dafür die moralischen Grenzen weit übertritt. Eine Entscheidung, die von Frankenstein, so wie auch von Franz Bonaparta später bereut wird, als sie verstehen, was sie da in Wahrheit erschaffen haben. Neben diesen Aspekten darf jedoch eine Eigenart nicht unterschlagen werden, die sich die Figur aus dem Manga und die Figur aus dem Roman aus dem 19. Jahrhundert teilen: die schwerwiegende Einsamkeit, die für die meisten der Taten beider verantwortlich gemacht werden kann. Beide wurden als Experiment erschaffen und sogleich wieder weggeworfen, von Personen, die sich nicht genug für sie interessierten um ihnen Namen zu geben. Und beide wurden von allen weggestoßen, für die sie je etwas übrig hatten, weil sie nicht verhindern konnten, von allen als Monster angesehen zu werden. So gut die Intentionen hinter einigen ihrer Taten auch waren. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als zum Monster zu werden. Damit enden die Gemeinsamkeiten der zwei schon wieder. Johann und das Monster aus „Frankenstein“ entstanden in anderen historischen und gesellschaftlichen Kontexten, genau wie ihre Geschichten, weshalb beide Figuren noch viele weitere Aspekte auszeichnen, als hier aufgezählt. Womit sich beide Erzählungen jedoch beschäftigen, ist die Frage, was überhaupt ein Monster ausmacht und ob das notwendigerweise beinhalten muss, dass die Figur oder auch nur alle ihrer Intentionen böse sein muss oder ob monsterhafte Taten unbedingt von einem Monster kommen müssen oder auch etwas anderes möglich ist.
Die meisten Monster werden groß und gefährlich dargestellt. Quelle: Pixabay, Zur Verfügung gestellt von jimbo457.
Diese Frage muss dazu führen, dass wir unsere Vorstellung von dem, was ein Monster ist neu definieren. Es gibt also Monster, die nicht gruselig oder sogar unmenschlich aussehen müssen und es gibt Monster, die nicht böse sind oder keine bösen Gründe für ihre Taten haben. Was muss also konkret gegeben sein, damit wir es jetzt eindeutig mit einem Monster zu tun haben? Bei allen Beispielen geht es um die Beziehung des Wesens zu den Menschen. Entweder versetzt ihre Erscheinung sie in Angst oder es sind die Taten, die die Angst erzeugen oder aber es ist tatsächlich der Fall, dass von der Gestalt eine ernst zu nehmende Gefahr ausgeht. Es ist also die Wirkung auf die Menschen, die bei der Einschätzung maßgeblich ist. Eine spezielle Art von Monstern, die in der Popkultur große Beliebtheit genießen ist die der Vampire. Zwischen der Darstellung als grässliche Ungeheuer mit spitzen Ohren und noch spitzeren Zähnen und mysteriösen Gestalten mit engelsgleichem Äußerlichen, existiert eine riesige Bandbreite an Vorstellungen der Nachtkreaturen. Gemeinsam haben alle, dass sie Blut saugen und nachtaktiv sind. Somit stellen sie automatisch eine potenzielle Gefahr für ihr Umfeld dar. Besonderer Fokus liegt hier allerdings auf dem Wort „potenziell“, denn genauso wie das Aussehen so variieren auch die Verhaltensweisen je nach jeweiligem Schöpfer. Die Vampire in Twilight sehen wunderschön aus, glitzern in der Sonne und tun keiner Person etwas zu leide, ganz so, wie es den Wünschen der Leser/innen entspricht. Dracula aus Bram Stokers gleichnamigem Roman ist dagegen ein ganz anderes Kaliber von Vampir. Ihn kennzeichnet ein bedrohliches Äußeres mit dunklem Haar und grimmigen, buschigen Augenbrauen. Er saugt das Blut von jedem Menschen, der sich ihm anbietet und macht dabei Gebrauch von den absurdesten Kräften wie sich in Tiere zu verwandeln, Personen zu hypnotisieren oder sogar Naturgewalten zu beherrschen. In der Weltsicht, die der Roman vertritt, handelt es sich bei Vampiren um eine Art Dämon, mit dem Teufel im Bunde stehen. Und obwohl Bram Stokers Schöpfungen Monster im wahrsten Sinne des Wortes sind, werden auch sie als schön oder anziehend beschrieben. Der untote Graf verwendet seine Fähigkeiten, um Jonathans Freundin zu sich zu locken und als sie schlussendlich zum Vampir wird, zeichnet auch sie sich durch ein wunderschönes, fast jugendliches Äußeres aus. Neben diesen Beispielen existieren viele weitere Werke der vergangenen 300 Jahre, in der Vampire mit einer gewissen Anziehungskraft auf die Menschen um sie herum beschrieben werden. Gründe dafür können mehrere genannt werden. Zum einen wäre da die generelle Attraktivität, die das Düstere und Verbotene auf uns ausübt. Ein anderes wichtiges Kriterium ist der Aspekt der ewigen Jugend, den die meisten Vampire gemein haben. Da sie altern können, scheinen sie in einem Stadium von ewig jung und schön festzustecken.
Illustration von Frankenstein. Quelle: Pixabay, zur Verfügung gestellt von sethJreid
Umgekehrt finden sich genauso hässliche „Monster“, die weder in ihren Taten noch in ihren Intentionen irgendeine Form von Boshaftigkeit erkennen lassen. Dämonen, Drachen oder andere Gestalten aus dem Fantasy-Genre werden weder immer als böse noch immer als schön oder ästhetisch dargestellt. Gerade die Kinderliteratur oder das Kinderfernsehen ist bekannt für diese Art der Monster. In dem international bekannten Film „Die Monster AG“ von 2001 geht es um Monster, wie der Titel verrät. Diese Monster sehen auch monsterartig aus, weil sie spitze Hörner oder nur ein Auge haben, aber, dass sie irgendeiner Weise gruselig aussehen, kann nicht gesagt werden. Genauer betrachtet sehen die Monster eher lustig oder albern aus und auch davon, dass sie Böses tun, kann keine Rede sein. Ihre Angewohnheit Kinder zu erschrecken ist sicherlich nicht nett, doch gefährlich sind sie in keinem Maße. Als ein kleines Menschenmädchen in die Monsterwelt gelangt, entwickeln die beiden Monster Sulley und Mike eine wohlwollende Beziehung zu dem Kind und dieses Ereignis führt am Ende dazu, dass das Erschrecken von Kindern in der Monsterwelt aufhört. In „Drachenzähmen leicht gemacht“ von 2010 wird ein Dorf von scheußlich aussehenden Drachen angegriffen, doch als die Dorfbewohner erfahren, dass es möglich ist, sich mit den Drachen anzufreunden, schließen sie Frieden mit ihnen und weder die Drachen noch die Menschen greifen danach auf Gewalt im gegenseitigen Umgang zurück. In Kinder- und Jugendfilmen existieren viele weitere Beispiele für äußerlich hässliche Monster, die in Wahrheit vollkommen harmlos sind.
Jetzt haben wir eine ganze Bandbreite an verschiedenen Arten von Monstern kennengelernt, von hässlich und grausam über schön und grausam bis hin zu hässlich aber keineswegs grausam kann bei der Figur eines Monsters alles dabei sein. Zwischen Mensch und Monster scheint es einen fließenden Übergang zu geben, der nicht durch eindeutige Grenzen definiert werden kann. Das einzige Ausschlusskriterium für alle Arten von Monstern scheint zu sein, dass sie nie schön und nett gleichzeitig sein können. Wie man also sieht, existieren keine festen Regeln dafür, wie man ein Monster gestalten kann. Monster können unheimlich aussehen und gefährlich sein, sie können unheimlich aussehen und nicht gefährlich sein. Sie können allerdings genauso gut auch lustig und kein bisschen angsteinflößend aussehen. Was Monster viel stärker zu definieren scheint, ist ihre zumindest scheinbare Abweichung von Menschlichkeit, entweder in ihrem Aussehen oder in ihren Taten, jedoch auch durch das Vorhandensein übermenschlicher Fähigkeiten. Storyteller, die für ihre Geschichte ein Monster erfinden wollen, müssen sich daran orientieren. Das ist der erste Schritt. Nachdem festgelegt wurde, in welchen Aspekten genau sie sich vom Menschsein unterscheiden, müssen die einzelnen Merkmale genauer definiert und anschließend ausgearbeitet werden. Den Ergebnissen sind dabei kaum Grenzen gesetzt, weshalb Monster viel Raum für Kreativität lassen.
So kann ein Monster auch aussehen. Quelle: Pixabay. Zur Verfügung gestellt von HGDesigns.
Da die Herbstzeit langsam beginnt, möchte ich diese Zeit dafür nutzen, um über eine Serie zu sprechen, die man, wie kaum eine zweite, mit der goldenen Jahreszeit verbindet: „Over the garden wall“.
„Over the garden wall“ ist eine, 2014 erschienene, Miniserie von cartoon network. Sie handelt von den Brüdern Wirt und Greg und ihre Reise durch einen geheimnisvollen Ort, der aus einem Wald besteht und den Namen „The Unknown“ (Das Unbekannte) trägt. Dieser Name ist – wie wir bald feststellen werden – nicht zufällig gewählt worden.
Das Unbekannte ist der ihnen fremdartige und düstere Ort, an dem sich unsere Protagonisten scheinbar verirrt haben. Nichts ist an diesem Ort so, wie es scheint, Dinge existieren, die es in der wirklichen Welt nicht gibt und eine düstere Aura liegt über dem gesamten Wald, von dem es heißt, dort lebe ein gefährliches Biest. Die herbstliche Atmosphäre, die an Feste wie Halloween erinnert, ist von Beginn der Serie spürbar. Diese ist nicht allein der Grund, warum diese Serie so beliebt ist, sondern besitzt innerhalb der Serie eine wichtige Bedeutung. Zu Beginn wird deutlich gezeigt, dass Wirt und Greg an diesem Ort nicht zu Hause sind und nicht genau wissen, wie sie sich an diesem Ort zurechtfinden können. Sie befinden sich wortwörtlich im Unbekannten.
Die erste Person, dem die Brüder begegnen ist der zwielichtige woodsman (Holzfäller). Dieser erscheint zunächst als eine Gefahr für die Kinder. Er läuft nachts in einem Wald, mit einer Axt herum, droht den Geschwistern, scheint häufig ein unheimliches Lied zu singen und – so glauben es Wirt und auch der Zuschauer im ersten Moment – Beatrice verletzt zu haben. So kommt es, dass die Protagonisten ihn unweigerlich für das Biest halten, von dem die anderen Bewohner des Ortes ihnen erzählen und welches sie bis dahin noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Entgegen dieser Erwartung stellt sich heraus, dass der Holzfäller den Kindern lediglich helfen wollte und nicht das Biest ist.
Der zweite Ort in der Geschichte ist das Dorf Pottsfield, in dem die Bewohner eine Feier abhalten. Erschreckend wirkt ihr Aussehen auf die Brüder: wie Personen deren gesamter Körper aus Kürbissen besteht. Ihre Augen nicht mehr als große, runde Löcher, die in die Kürbisse geschnitzt wurden und darunter keine Augen erkennen lassen, was darauf hindeutet, dass es sich dabei auch nicht um Kostüme handelt. Als die Brüder entdeckt werden, zeigt sich die Gesellschaft sehr wütend. Trotz dessen besteht ihre Strafe allein darin ein paar Löcher zu graben. Was zunächst wie eine überraschend harmlose Aufgabe erscheint, erweist sich als deutlich erschreckender, nachdem sie in den Löchern Skelette finden. Doch auch das ist ein Irrtum. Am Ende wird klar, dass es sich bei den Kürbismenschen um Skelette handelt, die die Kürbisse tatsächlich nur als Kostüm tragen und weitere ihrer verstorbenen Freunde ausgraben wollten, um sie auf die Feier einzuladen. In der gesamten Serie tauchen Situationen dieser Art auf. Situationen, in denen die Protagonisten einer vermeintlichen Gefahr ausgesetzt sind, die sich als ziemlich harmlos herausstellt. Zu nennen wäre da die Tante Whisper, die zu Beginn als bösartige, alte Frau, die lebendige Menschen verspeist, auftritt. In Wahrheit ist sie jedoch eine liebenswürdige Frau, die sich Sorgen um ihre, von einem Geist besessene, Nichte macht. Der strenge Direktor der Grundschule entpuppt sich als der verarmte Vater der Lehrerin, der mit der Schule versucht Geld zu verdienen und der entlaufene Gorilla ist in Wahrheit ihr Verlobter, der sich nicht mehr aus seinem Kostüm befreien konnte.
Doch auch umgekehrt kommt es vor, dass sich etwas, das den Brüdern zuerst harmlos vorkommt, als reale Bedrohung entpuppt. So ist beispielsweise die freundliche Lorna, die Wirt und Greg vor ihrer Tante beschützen wollen, von einem bösen Geist besessen, der sie dazu bringt Menschen lebendig zu essen. Beatrice belügt Wirt und Greg damit, dass sie zu Adelaide, der „guten Seele des Waldes“ gehen müssen, um wieder nach Hause zu kommen. In Wahrheit wollte Beatrice die Beiden bei Adelaide gegen ein Heilmittel für ihre, in Vögel verwandelte, Familie umtauschen. Es stellt sich heraus, dass Adelaide für das Biest arbeitet und die Kinder als Diener für sich behalten wollte.
Selbst das Biest erweist sich als deutlich harmloser als es den Protagonisten erscheint. Es trägt seine Laterne stets bei sich, von der es behauptet, die Seele der Tochter des Holzfällers in sich zu beherbergen. Diesen fordert das Biest deshalb auf, Holz für die Laterne zu hacken, um die Seele seiner Tochter am Leben zu erhalten. Das Biest selbst besteht aus eben dem Holz, das der Holzfäller gezwungen ist zu hacken. Diese Bäume sind das, was aus den Seelen der Verlorenen wurde, die dem Biest zum Opfer fielen. Das wird gezeigt, als die Brüder selbst beinahe dem Biest anheim fallen, und zwar dann, wenn sie die Hoffnung verlieren, es jemals wieder aus dem Unbekannten heraus zu schaffen und wieder nach Hause zu kommen. Wirt ist der erste, der beginnt sich in einen Baum zu verwandeln. Er ist der Ältere der Beiden und derjenige, der vorsichtiger ist und die Gefahren des Ortes erkennt. Sein kleiner Bruder dagegen zeigt kaum Furcht, da er noch nicht genug Erfahrung besitzt, um mögliche Gefahren als solche einschätzen zu können. Später verwandelt auch er sich in einen Baum, nachdem er den Fehler begangen hat, dem Biest zu vertrauen. Greg ist ein leichteres Opfer für das Biest, da er sich, durch seine kindliche Naivität schneller von dem Biest täuschen lässt. Wirt dagegen kann die Lügen des Biests als solche entlarven und ist deshalb nicht derjenige, der sich in einen Baum verwandelt. Auch ihn versucht das Biest zu täuschen, indem es ihm anbietet die Seele seines Bruders in der Laterne zu verwahren, solange Wirt dafür sorgt, dass sie weiter brennt. Das ist der Moment, indem Wirt versteht, dass es nicht die Seele von irgendwelchen Personen ist, sondern die Seele des Biests selbst, die in der Laterne aufbewahrt wird. Somit kann er Greg und sich vor dem Biest schützen.
Diese Aspekte, die das „Unbekannte“ ausmachen, lassen sich auch auf Wirts und Gregs Realität beziehen. So wie in dem fremden Wald, wie auch in ihrer eigentlichen Welt, sind die scheinbaren „Gefahren“ eigentlich keine richtigen Gefahren. Und in beiden Welten, versucht Wirt, vor den möglichen Gefahren zu flüchten, statt seine Angst zu überwinden und dabei zu realisieren, dass vieles weniger unheimlich ist, als es erscheint. Über das „Unbekannte“ lässt sich vermuten, dass es sich um eine Art Zwischenwelt, zwischen Leben und Tod, handelt. In der Wirklichkeit sind Wirt und Greg zwei Brüder aus der modernen Zeit. An einem Halloweenabend sind sie auf eine Halloweenfeier gegangen, auf der auch Wirts Crush Sarah anwesend war. Wirt hatte eine Kassette bei sich, auf welcher er Gedichte für Sarah eingesprochen hatte. Ursprünglich plant Wirt Sarah die Kassette zu geben, macht dann allerdings doch einen Rückzieher und versucht die Kassette zurückzuholen. Jason Funderberker ist ein Bekannter Sarahs, der scheinbar ein Auge auf sie geworfen hat, von Sarah selbst jedoch nicht weiter beachtet wird. Wirt glaubt allerdings wegen Jason Funderberker bei Sarah keine Chance mehr zu haben und so flüchtet Wirt vor der Situation. Er klettert zusammen mit seinem Bruder über die Friedhofsmauer. Als die beiden fast von einem Zug erwischt werden, springt er, mit Greg zur Seite und sie fallen anschließend einen Hügel hinunter und landen in einem See und somit auch in das Unbekannte. Das „Unbekannte“ ist für die Protagonisten ein seltsamer und anfangs auch gefährlicher Ort, da vieles für sie fremd ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Wenn man allerdings beginnt diese Regeln zu verstehen, erscheint der Ort plötzlich viel weniger unheimlich. Das ist eine Gemeinsamkeit, die das „Unbekannte“ in over the garden wall, mit allem Unbekannten hat, das in der Welt existiert.
Ein weiteres bekanntes Werk, in dem das Unbekannte thematisiert wird, ist die Buchreihe „ A Series of Unfortunate Events“ von Daniel Handler. Im elften Band der Reihe „The Grim Grotto“ befinden sich die Baudelairs auf einem U-Boot. Als auf dem Bildschirm ein großes Fragezeichen auftaucht, wird ihnen gesagt, es handle sich bei dem unidentifizierbaren Objekt um das „große Unbekannte“, dessen wahre Form ein Geheimnis bleibt, zu schrecklich für junge Leute, um es zu kennen. Als das Unbekannte unter den U-Boot vorbei schwimmt, sehen die Geschwister nichts weiteres als einen riesigen, nicht definierbaren Schatten. Im letzten Band hat das „große Unbekannte“ einen indirekten Auftritt, indem darüber gesprochen wird, dass sich die Eltern der Baudelairs in diesem „großen Unbekannten“ befinden. Da der Leser jedoch weiß, dass die Eltern tot sind, wird dadurch impliziert, dass es sich bei diesem „großen Unbekannten“ um den Tod handelt. Darin besteht eine Gemeinsamkeit mit dem Unbekannten aus „over the garden wall“, denn das ist ein Übergangsort zum Tod.
Der Tod stellt nicht nur für Wirt, Greg sowie die Baudelairs das „große Unbekannte“ dar, denn niemand weiß, was danach geschieht und genau daraus entsteht für die Menschen die Angst. Doch auch auf andere Aspekte lässt sich das „Unbekannte“ beziehen. Für Wirt bedeutetes zum Beispiel auch Erwachsen zu werden. Somit hat jeder von uns im Laufe seines Lebens Kontakt mit dem Unbekannten.
Es ist sicherlich keine Seltenheit das Thema diskutiert zu sehen. Schon lange beschäftigt die Menschheit was Träume sind und was sie bedeuten, weshalb es nicht verwundert, dass das Thema Stoff für zahlreiche Erzählungen in den verschiedensten Kunstrichtungen bietet. Genau deshalb ist es so interessant zu untersuchen, welche Antworten Geschichten darauf geben können, was Träume eigentlich sind?
Fast jeder Deutsche kennt den Sandmann. Jedes Kind kennt vermutlich die freundliche, Sand streuende Figur aus dem Kinderkanal. Doch daneben existiert noch eine weitere Darstellung. Einige kennen vielleicht die Novelle von E.T.A. Hoffmann mit dem Titel „Der Sandmann“. In dieser verfällt der Student Nathanael dem Wahnsinn, als er sich von einem Kindheitserlebnis verfolgt fühlt. Insbesondere die Erzählweise sticht hervor, denn der Leser erfährt nie, was wahr ist und was nicht. Durch das Vermischen von Traum und Realität in Nathanaels Perspektive, hat es auch der Leser schwer beides auseinanderzuhalten.
Das Verschmelzen von Traum und Wirklichkeit ist ein häufiges Motiv in dieser Art Geschichten. Ab einem bestimmten Punkt, weiß der Protagonist oder die Protagonistin nicht mehr, wann er oder sie träumt oder nicht. In „Inception“ stellen sich Szenen, die sich normal anfühlen als Traum heraus, während die Träume in Satoshi Kons „Paprika“ in die Realtität eindringen. Auch in den Büchern Haruki Murakamis und den Filmen David Lynchs oder Charlie Kaufmans verschwimmen die Grenzen oftmals.
All diese Beispiele beschäftigen sich mit einem ganz bestimmten Aspekt von Träumen. Nämlich dem, dass wir meistens nicht wissen, dass wir träumen, wenn wir genau das tun. Ein zentrales Kriterium für Träume scheint zu sein, dass wir nicht merken, wenn wir uns in einem befinden und unausweichlich erwachen, sobald es uns bewusst wird.
Dies hat zur Folge, dass sich der Leser oder Zuschauer selbst nie ganz sicher sein kann, ob das was der Held/die Heldin erlebt in der Realität des Films oder Buches stattfindet oder nur in einem Traum. Ein gelungenes Werk, das das Thema behandelt, ist es dann, wenn es das schafft und erst das Ende eventuell eine Lösung anbietet oder wenigstens die Möglichkeit zur eigenen Interpretation der Ereignisse zulässt.
Der Film „I’m thinking of ending things“ von Charlie Kaufman handelt um eine unharmonische Beziehung zwischen einer jungen Frau und ihrem Freund Jake, wobei sich am Ende herausstellt, dass es eigentlich um die Beziehung eines einsamen Hausmeisters, in einer Highschool, mit sich selbst geht. Der Film ist so aufgebaut, dass dem Zuschauer zu Beginn lediglich ein komisches Gefühl ergreift und die Handlung im Laufe des Films immer surrealistischer wird. Man merkt die ganze Zeit, dass etwas nicht stimmt und erwartet oft, dass etwas unheimliches passiert. Aber nichts passiert und der Zuschauer glaubt weiterhin sich in der Realität zu befinden. Der Übergang von einer normalen Geschichte hin zu einem surrealen Traumerlebnis vollzieht sich schleichend, doch als der Moment vorüber ist, passieren viele verwirrende Dinge gleichzeitig. Ein Gesicht auf einem Bild verändert sich, die Eltern von Jake verändern ihr Alter, einige Aspekte werden ständig umgeändert, wie zum Beispiel die Tätigkeit der Freundin oder die Geschichte wie sie und Jake sich kennengelernt haben. Am Ende des Films wird klar, dass sich alles nur im Kopf des Hausmeisters geschieht und dieser sich verschiedene Versionen seiner Vergangenheit ausmalt, wenn sie anders verlaufen wäre, als sie es ist.
Das Thema des Tagtraums fällt durch eine besondere Eigenschaft auf: Die Person, in deren Fantasie die Geschichte stattfindet weiß, in der Regel, dass die Geschehnisse nicht real sind, der Zuschauer allerdings nicht. Allein der Zuschauer wird in die Irre geführt und muss selbst herausfinden, was die Wahrheit ist. In manchen Fällen ist sich die Figur jedoch nicht bewusst, das alles von ihr selbst erfunden wurde und in vielen Fällen lässt es sich nicht sagen, was dem Zuschauer mehr Interpretationsfreiraum gibt.
Der Film hat dabei eine besondere Bedeutung, denn Träume lassen sich mit keinem anderen Medium so gut abbilden. Bei Büchern wird das Gefühl des Träumens durch eine unzuverlässige Erzählweise hervorgerufen werden, trotzdem müssen die Geschehnisse in Form von Bildern erst in den Köpfen der Leser erschaffen werden. Bei einem Film ist das anders, da Träume im Grunde Filme unseres Unbewussten sind.
Im Film „Paprika“ von Satoshi Kon existiert ein Gerät, durch dem sich die Träume der Menschen aufzeichnen und wie ein Film ansehen lassen. Interessanterweise ist es auch möglich in die Träume, die man sieht einzugreifen und diese zu manipulieren. Dies geschieht als das Gerät gestohlen wird und nach und nach beginnen Traum und Realität ineinander zu verschmelzen. In dem Film, der selbst das Produkt der Fantasie und der unterbewussten Gedanken des Drehbuchautors und Regisseurs, werden Träume gezeigt, die mithilfe eines Gerätes, das Träume als Filme zeigt, zum Leben erweckt. Der Film wird damit selbst zu einem Traum, während zugleich jeder Film eine Art Traum ist.
In dem Film hat die Figur des Ermittlers Toshimi Konakawa einen wiederkehrenden Traum, der ihn beschäftigt. Den Grund für das wiederkehrende Motiv versucht er, während den zentralen Ermittlungen, herauszufinden. Gegen Ende des Films wird sich Konakawa gewahr, dass die Szene, von der er regelmäßig träumt, von dem Gedanken an einen verstorbenen Kindheitsfreund handelt. Die beiden Jungen hatten den „Traum“ Regisseur zu werden und hatten begonnen einen Film zu drehen, in dem Konakawa ein Polizist und der Freund den vom Polizist verfolgten Verbrecher spielt. So ähnlich ist auch die Handlung in dem Traum, nur dass der Verfolgte das gleiche Gesicht hat wie Konakawa und von eben diesem getötet wird.
Eine klare Antwort können Geschichten auf die Frage, was Träume sind, nicht geben. Fakt ist, dass Träume immer ein Produkt unserer eigenen sowohl bewussten als auch unbewussten Gedanken, Ideen, Gefühle und Erfahrungen sind. Das macht sie zu einem festen Bestandteil unseres Ichs. Gleichzeitig sind in den Träumen Teile unseres Ichs enthalten. In der Kunst werden Träume auf kreative Weise, in verschiedenen Medien dargestellt. Da Kunstwerke Teile unseres Selbst und automatisch auch unserer unbewussten Seiten hergeben, werden sie selbst zu Träumen. Die Träume wiederum sind selbst so etwas wie Filme oder Theaterstücke, für die unser Unterbewusstes das Skript schreibt. Das ist die Antwort, die uns die Kunst auf unsere Frage geben kann.
Nachdem ich “Outer wilds” gespielt habe, war ich- wie die meisten, die es gespielt haben- vollkommen baff (im positiven Sinne) und gleichzeitig voller Fragen. Eine und damit gleichzeitig die größte dieser Fragen drehte sich um das “Eye of the universe” (das Auge des Universums). Wenn das “Eye of the universe” vor dem Universum da war und es an der Kreation des neuen Universums sowie jedes anderen, vorher dagewesenen Universums beteiligt war, lässt sich das “Eye of the universe” als eine Art Gott definieren? Und daran knüpft die Frage an, was einen Gott eigentlich ausmacht und wodurch sich sagen lässt, ob es sich bei einer Form von Entität um einen Gott handelt oder nicht. Aus diesem Grund werde ich in diesem Text analysieren wie sich an das Thema in verschiedenen fiktionalen Werken herangetastet wird.
Die Frage was ein Gott ist, kann laut dem Wörterbuch von Oxford languages zwei mögliche Antworten haben. In einem religiösen Kontext wird Gott als das höchste, gedachte überirdische Wesen definiert, in einem mythologischen Sinn bedeutet es lediglich ein übernatürliches Wesen, das in Menschengestalt auftritt und als Verkörperung einer Naturgewalt oder höheren Macht fungiert. Beide Betrachtungsweisen vereint, dass dieser Gott von den Menschen verehrt wird und sich meist durch Unsterblichkeit auszeichnet. Diese Definitionen allein geben allerdings noch keine aufschlussreiche Antwort darauf, welche Möglichkeiten es gibt, etwas oder jemanden als Gott zu interpretieren. In dem zuvor genannten Computerspiel “Outer wilds” existiert eine Entität, die einem Gott zumindest nahe kommt. Das “Eye of the universe” wird von einer Spezies genannt “Nomai” verehrt und vermutet, dass es vor dem Beginn des Universums bereits existiert hat und für die Kreation des Universums eventuell mitverantwortlich ist. Allerdings sind sich die Nomai nicht im Klaren darüber, ob es sich um ein Wesen mit Bewusstsein oder um eine physikalische Gewalt handelt. Später erfährt der Spieler, dass das Universum, in dem man sich zu der Zeit befindet, vor seinem Ende steht und ein neues geschaffen werden muss. Dies ist allerdings nur dadurch möglich, dass eine Lebensform mit Bewusstsein auf dem “Eye of the universe” landet und die Fülle der Möglichkeiten, die das neue Universum betreffen, betrachtet und sie durch diesen Vorgang auf eine Möglichkeit festlegt. Das “Eye of the universe” verhält sich wie ein Quantenteilchen und muss aus diesem Grund bewusst betrachtet werden, um seinen Aufenthaltsort auf eine mögliche Koordinate festzulegen. Damit hat es mit einem Gott, wie er in Religion und Mythos definiert wird, allerdings wenig gemein. Eine weitere Darstellung von Gott ohne einem Bewusstsein befindet sich in der Netflixserie “Dark”. Darin wird die Zeit explizit von dem Charakter “Adam” mit Gott gleichgesetzt. Die Zeit ist verantwortlich für die Existenz jedes einzelnen Lebewesens, Gegenstand oder Sachverhalt, den es im Universum gibt. Da die Zeit aber kein Bewusstsein besitzt, fehlt ihr die Fähigkeit aktiv auf eine Weise zu handeln, die den Menschen entweder hilft oder ihnen schadet. Das ewige Voranschreiten des Alterungsprozesses, Sterben und jede negative Handlung, die eine Person ausführt, wird nicht durch einen aktiv lenkenden Gott veranlasst, sondern von einer physikalischen Größe. Diese Darstellung von Gott als etwas nicht Bewusstes, das dennoch die Taten jeder Person lenkt und für die Entstehung des Universums verantwortlich ist, ist sehr interessant, da ein Gott dieser Art nicht für die Handlungen von Personen verantwortlich gemacht oder als Grund dafür genannt werden kann.
Wie könnte allerdings ein Gott aussehen, der ein Bewusstsein hat? In vielen Beispielen von religiösem Horror tritt der Teufel als bewusster Akteur auf, der für das Übel, das geschieht, verantwortlich ist. Doch was wäre wenn nicht Satan, sondern Gott als bedrohliche Gestalt, die den Figuren der Geschichte nichts Gutes will, auftritt? Vor Kurzem bin ich auf einen Kurzfilm gestoßen mit dem Titel “Portrait of God”. In dem Film geht es um eine Frau, die stirbt, weil sie Gott, in seiner wahren Gestalt, gesehen hat. Dabei ist mir aufgefallen, wie unheimlich Gott in dem Video dargestellt wurde. Er lächelte zwar, aber etwas an dem Lächeln und seinem gesamten Auftreten wirkte beklemmend. Als der Kurzfilm zu Ende war, ließ sich nicht einschätzen, ob es sich bei Gott um eine freundlich gesinnte Figur handelte oder nicht. Dies hat mich zum Nachdenken angeregt, denn in den meisten Fällen wird Gott als gutes Wesen charakterisiert, obwohl es keinen Grund dazu gibt, warum dies immer der Fall sein muss. Ich würde sogar behaupten, dass die Darstellung in dem Film, derjenigen in der Bibel näher kommt. Wenn man genauer nachdenkt, merkt man, dass der Gott in der Bibel, zwar immer als gut bezeichnet wird, allerdings gleichzeitig viele seiner Handlungen dagegensprechen und sich nie eindeutig sagen lässt, welche Beweggründe ihn tatsächlich motivieren und welche Gedanken er hegt. Er erscheint als ein Wesen, das über den Menschen steht und aus diesem Grund für diese unbegreiflich bleiben muss, aber gleichzeitig auch von ihnen verehrt werden soll, ohne seine Handlungen hinterfragen zu dürfen.
Unabhängig davon welche Darstellung man wählt, scheint eine Gemeinsamkeit zwischen einem Gott mit als auch einem ohne Bewusstsein zu sein, dass es Personengruppen gibt, die diesen Gott anbeten. Dies gibt einem eine Vielzahl an interessanten Möglichkeiten der Behandlung des Themas. Denn was wäre, wenn nur dadurch seine Macht erst entsteht. Diese Idee existiert bereits seit einer langen Zeit in den Köpfen der Menschen. Der Gott kann den Lebewesen gegenüber positiv oder negativ gesinnt sein, er kann ein Bewusstsein haben oder nicht. Wichtig ist dabei lediglich, dass es Personen gibt, welche an ihn glauben und ihn als etwas Positives wahrnehmen. In Neil Gaimans “American God” entsteht die Existenz und die Macht aller Götter allein dadurch, dass die Menschen an jene glauben. Dabei stehen die alten Götter der Mythologie den modernen Göttern Medien, Technologie oder Geld gegenüber. Auch diese erhalten erst durch die Verehrung durch Menschen ihre Macht. Es scheint die eine Konstante zu sein, die jegliche Art von Gott auszeichnet. Ob es sich um den Schöpfer aus der Bibel handelt, um ein Wesen aus einer antiken Mythologie, um eine bedrohliche und gefährliche Entität oder um ein Phänomen ohne bewusstes Denken, alle erhalten ihre Macht über die Menschen, weil die Menschen ihnen diese Macht erst zukommen lassen. Somit ist das die Antwort auf die, zu Beginnn gestellte, Frage, was einen Gott charakterisiert.
Ai-generierte Darstellung eines allmächtigen Gottes. Erstellt von Kar3nt. Quelle: Pixabay