
Malerische Landschaften, Speisen und Tränke im Überfluss, ein Leben jenseits von jeglichem Kummer und in der Religion auch der Ort, an dem jeder Mensch seinen wahren Platz in Gottes Nähe erhält, der sich als würdig erweist. Seit Jahrtausenden hat die Vorstellung vom Paradies die menschlich Kultur geprägt. Je nach Religion, Kultur oder philosophischer Strömung hat es eine andere Form angenommen. Gemeinsam haben alle jedoch, dass es sich um Orte handelt, die als nahezu utopisch gelten. Häufig werden sie als der höchste Ort, den die Menschheit zu erreichen versucht, verstanden. Doch was wäre, wenn dieser Ort nie für uns bestimmt war?

In der Manga-/Animeserie „Hell’s Paradise“ werden mehrere Menschen dazu ausgesandt die Insel Shinsenkyo zu besuchen, die das Paradies darstellt, auf das sich der Name bezieht. Dort soll sich das „Elixier des ewigen Lebens“ vorfinden, das der Shogun unbedingt haben will. Dabei besteht allerdings eine kleine Schwierigkeit: Niemand, der die sagenumwobene Insel jemals bereist hat, ist lebend zurückgekehrt. Sonderbar erscheinen die vielen Leichen einstiger Inselbesucher, aus denen heraus Blumen sprießen. Als eine Gruppe zu Tode verurteilter Verbrecher das Land betreten, müssen sie feststellen, dass die Bewohner dort alles andere als freundlich menschlichem Leben gegenüber sind. Neben absurden Pflanzen, Tieren sowie göttlichen Wesen, begegnen ihnen auch allerhand mit Bewusstsein gesegnete Kreaturen. Doch wem kann man an einem Ort, der Menschen in den Tod schickt sobald sie das Land betreten, trauen? Die Teilnehmer der Mission müssen bald erkennen, dass diese Umwelt, die Menschheit nie als Teil von sich ausersehen hat und es nie wird.
Die Serie wirft eine interessante Frage auf: Was wäre, wenn dieser Ort nie für Menschen gedacht war? Die meisten Menschen sehen das Paradies als Belohnung für gutes Verhalten, die einem nach dem Tod zusteht oder als Ort auf der Erde, in dem das Leben für jeden leicht ist. Doch muss das unbedingt so sein? Vielleicht ist der einzige Grund warum diese Idylle und diese Harmonie existieren erst der, dass keine Menschen dort leben. Sobald der Mensch einen neuen Lebensraum betritt, beginnt er damit alle anderen Lebewesen zu unterwerfen, auszubeuten und teils sogar auszurotten und das obwohl er der Fremde ist, der in ein bestehendes System eindringt und dieses angreift. Wer könnte es ihm also verübeln, wenn es zurückschlägt? Der Mensch wäre in dieser Situation nichts weiter als ein Invasor oder ein Parasit, der von der Natur profitieren möchte, ohne etwas zurückzugeben. Die einzige Möglichkeit von dem System verschont zu bleiben, wäre demnach sich in ihm einzuordnen. ähnlich einer Symbiose arbeiten alle einzelnen Elemente zusammen, um das eigene überleben zu erhalten und dabei automatisch das der anderen sicherzustellen. Um nicht als Angreifer oder Eindringling wahrgenommen zu werden, besteht die einzige Methode darin sich in diese Symbiose zu integrieren und somit ein Teil von ihr zu werden. Was passiert also mit jenen Leuten, die genau das tun?
In der Serie geht es im Verlauf auch um das Elixier des ewigen Lebens und wie dieses ausschlaggebend war für die Entstehung der Inselbewohner. Durch Experimente zur Kreation des Elixiers entstanden die Tensen, Wesen, die zugleich männlich als auch weiblich sind. Sie praktizieren Taoismus und versuchen somit Unsterblichkeit zu erreichen. Der Taoismus ist eine chinesische Lehre, deren Praktizierer vollständige Harmonie mit dem Kosmos anstreben. Diese wird versucht zu erreichen, indem das Individuum sich der Welt und dem Wandel der Zeit anpasst. Das passt zu der Idee, die im ersten Teil dargelegt wurde. Nur durch vollkommene Anpassung an die Umwelt ist es möglich Harmonie mit ihr zu erreichen. Andernfalls werden die Menschen immer in Disharmonie mit der Natur stehen. Der Gedanke ist unheimlich, da er impliziert, man müsse sein individuelles Denken aufgeben, um ein Teil der Natur zu werden. Unsere Fähigkeit zum eigenständigen Denken ist die zentrale Eigenschaft, die uns Menschen auszeichnet. Auf dieser Grundlage haben wir die Zivilisation gegründet und uns gleichzeitig dadurch immer weiter von der Natur entfernt, die am Ende nur ein Teil von uns ist. Allerdings frage ich mich, ob es möglich ist, im Einklang mit der natürlichen Umgebung und mit dem natürlichen Teil in uns drin zu leben, ohne unsere spezifisch menschlichen Charakteristika aufzugeben. Denn auch, wenn unsere Lebensweise einem natürlichen Lebensstil scheinbar zuwiderläuft, hat die Zivilisation positive Aspekte hervor gebracht. Es muss eine Möglichkeit geben, beides zu erhalten.

Wir Menschen befinden uns immer in Spannung mit unseren natürlichen Eigenschaften und den zivilisatorisch anerzogenen. Dem gesellschaftlichen Zusammenleben wegen, unterdrücken wir unsere Triebe und agieren stattdessen innerhalb unserer erwarteten Rollen und Funktionen in der Gesellschaft. Ohne diesen Aspekt wäre ein Leben in einer Gemeinschaft nicht möglich und doch wünschen wir uns häufig unseren Trieben freien Lauf lassen zu können. Werden wir jemals einen Weg finden, indem die Natur ausgelebt werden kann und ihr Gegenstück, die Kultur, ebenfalls? Würde man einen Menschen unter einer Horde Gorillas aussetzen, wäre er vermutlich aufgeschmissen und würde man einen Gorilla unter Menschen aussetzen, gäbe es sehr bald Verletzte. Um im nackten Überlebenskampf zu gewinnen, helfen keine Bücher, keine überzeugenden Argumente an ein rivalisches Tier und unsere moderne Technik ist nicht darauf ausgelegt sich gegen einzelne Gorillas durchzusetzen. Die meisten Möglichkeiten reichen von Tötung des Tieres bis hin zur Ausrottung der gesamten Spezies. Es scheint so, als wäre ein Kompromiss nicht möglich. Der Mensch kann nur in einem bestimmten Umfang den natürlichen Raum betreten, indem er in einen Park geht oder in einer Safaritour die Umgebung von Distanz aus beobachtet. Der umgekehrte Fall, dass die Menschen die Natur in die Gesellschaft bringen, ist da wahrscheinlicher. Man kann Zimmerpflanzen in die Wohnung stellen, einen großen Garten haben, Haustiere halten oder einen Zoo erbauen. Allerdings existieren auch dafür Limitierungen. Pflanzen dürfen nicht zu viel Raum einnehmen, Tiere müssen erst vom Menschen domestiziert werden oder aber mit einem Zaun von den Menschen getrennt werden. Die einzige Möglichkeit bestünde darin, die Tiere zu zivilisieren, aber das ist eine unwahrscheinliche Aussicht.
Es scheint so, als gebe es keine Möglichkeit mit der Natur im Einklang zu leben. Wir haben uns zu weit von ihren Wurzeln entfernt. Alles, was wir tun können ist, mehr Natur in unseren Lebensraum holen oder unseren Bereich weiter einschränken. Aber nur so weit, dass die Natur für uns keine Gefahr darstellt. Doch das ist zum Glück nicht komplett unmöglich.
